Zwei Tage vor meinem 36. Geburtstag klingelte es. Ich nahm ab und hörte zu:
Eine Ausflugslust rief mich an und lud mich nach Jena ein. Zuletzt war ich dort vor vielen Jahren, zu einem Konzert beim Jenaer Kultursommer. Was und wen ich mir damals gab, weiß ich nicht mehr. Was ich weiß, ist, dass ich bis zu jenem Freitag, an dem ich mich allein in den Zug setzte, noch nicht viel von Jena gesehen hatte. Es war an der Zeit, dies zu ändern, so dachte ich – wie, ließ ich mir offen. Ich wollte mich treiben lassen. Als ich dann im Zug saß – urlaubsreif, hitzegeschädigt und erschöpft von inneren und äußeren Kämpfen – wuchs in mir der Wunsch, eher das grüne Jena entdecken zu wollen.
So kam es auch, zumindest ein bisschen. Zunächst war ich guter Dinge, denn es dauerte vom Bahnhof aus nur wenige Schritte, bis ich mich im Paradiesgarten an der Saale befand. Dort begegneten mir weiße Skulpturen. Ich konnte es nicht dabei belassen, dass sie mir einfach nur gefielen. Mein Handy verriet mir, dass es sich dabei um griechische Schicksalsgöttinnen handelt, auch bekannt als die drei Moiren, deren Hobby es laut Mythologie sei, mit dem Lebensfaden eines jeden Menschen zu ,,spielen“. Ich dachte mir meinen Teil, ging vorbei und lächelte (ihnen zu).
Wasser kam näher und veranlasste mich dazu, laut auszuatmen -„Herrlich!“. Wenig später wiederholte mein Körper diesen Vorgang, nur dass diesmal ein „Oar nee!“ heraus schnaufte. Denn hinter einer Kurve erwartete mich zuerst die gesperrte Saalebrücke und dann eine Baustellenstraße, die gleichzeitig als Umleitung fungierte. LKW, Barken und andere Passanten, letztere genervt von Hund und/oder Kegel. Nun ja. Mit der Zeit wurde es wieder grüner. Und sportlicher. Plötzlich war ich umgeben von etlichen Sportanlagen und dazu passend gekleideten Menschen.
„Ich will doch einfach nur Natur, Wasser!“, dachte ich. Ich ließ mich weiter „treiben“, in der Hoffnung, dass hinter der nächsten Kurve das „Jenaer Paradies“ auf mich wartet. Immerhin, es war eine Bank im Volkspark Oberaue. Dort machte ich nach ein paar Kilometern Pause, aß meinen Gurken-Tofu-Snack und überlegte mir einen kleinen Plan. Denn den wollte ich jetzt haben.
Dabei blickte ich auf das Jenaer „Bergland“ und nahm mir vor, mal ein verlängertes Wochenende in Jena verbringen zu wollen: Bewegung und Kultur. Die Saale-Horizontale reizt.
Ich spazierte weiter, grüßte den Froschkönig an seinem Brunnen und machte mich auf den Weg Richtung Altstadt, wo es mich in die Stadtkirche St. Michael zog. Kirchenaustritt hin oder her – Gotteshäuser ziehen mich magisch an. Ich weiß auch, wieso. Nur das hat nichts mit Religion zu tun. Was nicht selbstverständlich und eher selten der Fall ist: Mir gefielen die Kirchenfenster. Schlendernd versuchte ich den Bewegungsradius meines Kopfes bestmöglich zu nutzen, um die Altstadt aufzusaugen. Und immer wieder, auf Städtetrips dieser und anderer Art, versuche ich, mich selbst vor einer Überforderung an Sehenswertem und Denkwürdigem zu bewahren. Dies bleibt eine Übung. Zeit ist das Stichwort und eine gewisse Nachsicht mit einem selbst, dass man eh nicht alles behalten kann und muss. Irgendwas wird schon hängen bleiben.
Und warum bin ich noch mal hierher gefahren? Ach ja, richtig! Me-Time! Keine Studienreise! Das kann ja noch kommen. Aber nicht heute.
Heute erinnere ich mich gern daran, wie ich vorm Jenaer Zentrum für Romantikforschung am Planetarium stand. Ein schönes Anwesen. Ich überlegte Dichter und Maler der Epoche. Meine Gedanken schweiften ab und landeten bei einem geliebten Menschen. ,,Ach ja.“ Nun denn. Es ging weiter, natürlich zu Fuß, Richtung Jena Löbstedt. Dort musste ich beim Blick auf die Karte mit Erschrecken feststellen, dass ich mich dem Mathematikpfad näherte. Schneller als es meine Fähigkeiten zum Kopfrechnen erlauben, ging es zurück zum Stadtkern.
Eine Sehenswürdigkeit wollte ich noch mitnehmen. Und da ich es ursprünglich ja „grün“ haben wollte, war der ,,Goethe-Ginkgo“ sowohl in Metern als auch in Gedanken naheliegend. Diesen über 200 Jahre alten Baum soll Goethe angeblich selbst im Botanischen Garten gepflanzt haben. Wieder so eine Gesichte zum Touristenfangen. Es stimmt, dass er die Pflanzung in Auftrag gab. Was auch stimmt: Goethe widmete dieser Baumart das bekannte Gedicht ,,Ginkgo biloba“. Ehrlich, wer hat es gelesen?
Wer viel läuft und guckt (und recherchiert), braucht ein Eis, dessen ungenierten Verzehr ich an dieser Stelle undokumentiert lediglich erwähnen möchte. Ich brauchte beide Hände. (Ist auch deshalb besser so, weil ich unterwegs einen Defekt an meiner Handykamera feststellte, der fast allen Fotos so einen komischen Lichtschimmerstreifen beschert.)
Die Rückfahrt im überfüllten Zug ermöglichte mir einen Sitzplatz in der 1. Klasse und dank der überambitionierten Klimaanlage noch mehr Kühlung. Deutsche Bahn – you gave me goosebumps!

Bild 1: Da will ich hoch!
Bild 2: Pause mit Plänen
Bild 3: Märchenhaft (Paradiesgarten)
Bild 4: Stadtkirche St. Michael
Bild 5: …
Bild 6: Jenaer Zentrum für Romantikforschung von unten
Bild 7: Jenaer Zentrum für Romantikforschung, irgendwo daneben
Bild 8: Pulverturm, der mir den Defekt an meiner Handykamera erst so richtig aufzeigte.
Bild 9: Hier saß ich und seufzte – Botanischer Garten
Bild 10: Goethes Ginkgo (Botanischer Garten)